Sonntag, 6. September 2009

Review: Helvetets Port - Helvetets Port

Salve 

Vor ein paar Tagen habe ich von einem Kumpel einen Link zu einem Video von Helvetets Port erhalten (Danke Flonitz). Ich kannte die Band nur vom flüchtigen Reinhören bei mySpace, habe mich aber nicht weiter damit beschäftigt. Das auf ihrer Seite gebotene war nett anzuhören, aber hat mich nicht gleich so vom Hocker gerissen.

Ganz anders dieses Video, das mich vom ersten Moment an fasziniert hat:

Link

Das Lied geht mir durch Mark und Bein und ich finde es intensiv wie nur weniges, was heutzutage auf dem Markt veröffentlicht wird. Die richtigen Worte dafür zu finden fällt mir schwer und bevor ich zu allzu schwülstigem Vokabular greife, überlasse ich einfach lieber jedem selbst, sich eine Meinung zu bilden - das Video ist ja schließlich auch nicht ohne Grund verlinkt.

Doch nicht nur das Lied an sich halte ich für unglaublich intensiv - auch das dazugehörige Video ist von einer Qualität, wie man es von einer Band dieser Größenordnung kaum erwartet hätte. Natürlich treiben die Jungs sämtliche 80er Jahre-Klischees dermaßen auf die Spitze, dass sie selbst wohl noch mehr 80er-mäßig drauf sind, als es die 80er Jahre selbst waren. Aber ich finde das nicht nur ok, sondern unterstützenswert: Welches Auge eines Metalheads kann trocken bleiben, wenn er die Jungs in Spandexhosen und Rising Sun-Shirt sieht? Ich für meinen Teil liebe so etwas. Und man achte nicht nur auf die Bandoptik, sondern auch auf die vielen kleinen Details. Der größte Teil der Sequenzen wurde mit einer Super 8-Kamera aufgenommen und man kann sich wirklich total der Illusion hingeben, dass dieses Video nicht 2009, sondern gute 25 Jahre früher entstanden ist. Man schaue sich doch allein mal die liebevoll platzierte Commodore Werbung bei 1:19 an!

Manch einen möge das kalt lassen, aber ich liebe diese Dinge. Sie machen für mich sogar einen nicht unwesentlichen Teil des Musikgenusses aus und die Band hat auf mich mit diesem Video einen solch großen Einfluss, dass ich einfach nicht wiederstehen konnte und bei eBay USA ebenfalls ein Rising Sun-Shirt nebst passendem Bandana gekauft habe.  

Du denkst "Poser"? Ich denke "Mir doch egal!". Und sobald "Karate Kid" mal wieder im Fernsehen kommt, werde ich mir den Streifen mit Hochgenuss in meinem neuen Shirt anschauen!

In meinem Wahn und meiner neu entdeckten Liebe zur Band auf Grund dieses einen Liedes wollte ich die frohe Kunde verbreiten und habe den Link zum Video rumgeschickt und die Reaktionen hierauf waren für mich sehr überraschend. Selten habe ich es erlebt, dass eine Band so sehr die Gemüter gespalten hat! Die meisten fanden Helvetets Port bei Weitem nicht so gut wie ich, teilweise sogar richtig schlecht. Die Begründungen waren vielfältig: "es hat zu wenig Seele", "ist spieltechnisch minderwertig", "die Klischees sind völlig übertrieben", "der Sänger kann nicht singen" oder "die können einfach nix" waren nur einige der negativ-behafteten Meinungen. Andere hingegen waren total begeistert.

Um den Schnitt etwas zu heben habe ich das Lied auch an Leute weitergeleitet, die mit Metal und insbesondere den vermittelten Klischees nur wenig anfangen konnten, einfach auch um mal zu schauen, wie es beim nicht in der Materie steckenden Hörer ankommt. Hier war die Reaktion schon wesentlich anders: Eine schlechte Reaktion erhielt ich gar nicht. Viele sagten sogar, dass sowas nicht ihr Ding ist, aber für Metal sei das sogar akzeptabel. Manch einer war für mich total überraschend schockiert von den Totenköpfen und derartigen Utensilien sowie der deutschen Übersetzung von Helvetets Port "Tor zur Hölle" - ich hätte eigentlich nicht gedacht, dass man mit so etwas noch schocken kann. Aber ist doch schön, dass das, was Venom vor Jahrzehnten schafften auch heute noch möglich ist - auch wenn davon wohl nur zartbesaitete Gemüter betroffen sind.

Nachdem ich das Video ungelogen in einer 4-stündigen Dauerschleife habe laufen lassen war es mal Zeit, ein Ohr beim Album zu riskieren. Einen Dank an Breiti, der mir dabei helfen konnte.

Der erste Durchlauf des Albums verlief außerordentlich ernüchternd. Ich hatte nach "Lightning Rod Avenger" kaum erwarten können, dass ein Song auf dem Album ist, der auch nur annähernd so gut ist, aber das, was es hier zu hören gab war schon ein extremer Abfall an Qualität. Vor allem konnte ich jetzt die Meinung, der Sänger könnte nicht singen voll und ganz nachvollziehen. Insbesondere bei "Diamond Claw" ist dermaßen schiefer Gesang geboten, dass es anfangs fast schon weh tat.

Aber ich wollte das nicht so schnell abtun und gab der Scheibe einfach ein paar Durchläufe und mittlerweile ist meine Meinung bei Weitem nicht mehr so negativ. Weiterhin ist kein Lied dabei, dass "Lightning Rod Avenger" auch nur annähernd das Wasser reichen kann, aber wenn man sich einmal mit dem Album angefreundet hat, kann man auch viel Spaß damit haben. Die Stücke darauf sind einfach extrem kauzig. Ja, ich denke, dieses Adjektiv trifft es recht gut: Insbesondere die in schwedisch vorgetragenen Stücke tragen ihren Teil dazu bei.

Auch die Kritik am technischen Vermögen der Band kann ich nachvollziehen. Da klingt es oftmals etwas eckig und kantig, aber ich möchte das nicht als negativen Punkt sehen. Nein - das sind die Dinge, die einem solch speziellen Produkt einfach Charakter verleihen. Und dass Sänger, die nicht singen können, an sich nichts schlechtes sein müssen hat Toto von Living Death meiner Meinung nach überdeutlich bewiesen.

Die Songs sind kompositorisch mit Sicherheit keine Meisterwerke, haben aber dennoch viel zu bieten. Die Lieder, die stets an der Schnittstelle zwischen Rock und Metal stehen, wandern nicht beim ersten und sicher auch nicht beim zweiten Hören, spätestens aber bei einem der darauf folgenden Durchläufe ins Ohr. Und einmal hier angekommen wollen sie am Leben gehalten und immer wieder gehört werden.

Ich für meinen Teil bin inzwischen wirklich schon ein klein wenig süchtig nach der Scheibe. Dafür musste ich zwar ein wenig Zeit investieren, aber diese hat sich am Ende wirklich ausgezahlt.

Wer auf Musik steht, der alles andere als geradlinig ist und wer auf von Epik geküssten Hard Rock und Metal steht sollte auf alle Fälle ein Ohr riskieren. Wer hingegen auf brutales und stumpfes Gekloppe abfährt sollte um diese Band einen riesengroßen Bogen machen.

evlaS

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